{"id":18506,"date":"2026-04-15T18:13:50","date_gmt":"2026-04-15T16:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/?p=18506"},"modified":"2026-04-15T18:13:55","modified_gmt":"2026-04-15T16:13:55","slug":"turn-the-tide-on-plastic-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/de\/turn-the-tide-on-plastic-2\/","title":{"rendered":"Turn the Tide on Plastic"},"content":{"rendered":"\n
Chichime, Guna Yala, Panama, Januar 2015<\/strong><\/p>\n\n\n\n Lisa sitzt im Schatten vor ihrer H\u00fctte. Seit Tagen stickt sie an einer orangefarbenen Mola, in die sie akribisch feine blaue und gelbe Muster aus der Mythologie der Kuna einarbeitet. <\/p>\n\n\n\n Lisa lebt mit und von der Natur. Bei Sonnenuntergang geht sie schlafen, bei Sonnenaufgang steht sie wieder auf. So wie es der Homo sapiens immer tat, bis er das k\u00fcnstliche Licht erfand. Ihr Speiseplan besteht aus Kokosn\u00fcssen, Fischen, Muscheln, etwas Gem\u00fcse und Obst. Einen Supermarkt gibt es nicht. Wozu auch?<\/p>\n\n\n\n Ein paar Meter hinter der H\u00fctte ist ein Loch im Sandboden. Viele Generationen lang hat man hier sauberes Trinkwasser gesch\u00f6pft. Doch seit einigen Jahren wird es immer salziger. Denn der Meeresspiegel steigt.<\/p>\n\n\n\n Das sieht man auch an den R\u00e4ndern der kleinen Insel: Palmen versinken im t\u00fcrkisblauen Wasser. So wird die ohnehin winzige Insel immer winziger. Der Strand sieht zwar aus wie eh und je \u2013 ein Traum aus feinstem Sand und kristallklarem Wasser. Allerdings nur auf der Leeseite der Insel. Gegen\u00fcber, wo die Wellen der Passatwinde auf den Strand rollen, liegt alles voller angeschwemmtem M\u00fcll: Plastikflaschen, Feuerzeuge, Flip-Flops, ein halb verrotteter K\u00fchlschrank. Der rosa Kopf einer Plastikpuppe. Nichts, was Lisa zum Leben braucht.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Lamen Bay, Insel Epi, Vanuatu, August 2018<\/strong><\/p>\n\n\n\n Ein langer Strand aus schwarzem Vulkansand umgibt die Lamen Bay in Vanuatu. Hier fressen die Dugongs, die Seek\u00fche, das offenbar sehr leckere Seegras vom Meeresgrund. Stundenlang versuchen wir, einen Blick auf sie zu erhaschen, wenn sie Luft holen. Wir fragen im Dorf nach, wann sie sich wo aufhalten k\u00f6nnten. Aber entweder bleiben sie beharrlich unter Wasser oder wir starren gerade auf die falsche Seite.<\/p>\n\n\n\n Frustriert \u00fcber unser Versagen als Naturforscher in den Fu\u00dfstapfen von Charles Darwin gehen wir einkaufen. Melisas kleine B\u00e4ckerei liegt etwas abseits im Regenwald. Ein H\u00e4uschen ganz aus Urwaldmaterial. Sch\u00f6ner kann man kaum einkaufen. Das Brot duftet verf\u00fchrerisch, knusprig und goldbraun wird es uns gereicht.<\/p>\n\n\n\n \u00bbBrauchst du eine T\u00fcte?\u00ab, fragt Melisa l\u00e4chelnd. \u00bbMierda, unsere Einkaufstasche!\u00ab Ich wollte sie doch mitgenommen haben. \u00bbKein Problem, mein Freund.\u00ab Melisa schickt ihre Tochter los, diese l\u00e4uft rasch zum Elefantenohrbaum, der gleich nebenan w\u00e4chst. Und schon wird unser Knusperbrot perfekt in ein gro\u00dfes, frisches Blatt eingewickelt.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Mensanak, Lingga, Indonesien, September 2019<\/strong><\/p>\n\n\n\n Mohamed ist nach einem langen Tag auf dem Weg nach Hause. Der Fang war nicht sehr vielversprechend: drei Fische, jeder nur ein paar Handbreit lang. Sein Gro\u00dfvater hatte ihm noch von reichen F\u00e4ngen erz\u00e4hlt, aber das ist wohl eher eine Legende. Denn Tatsache ist, dass heute kaum ein Fischer mit vollen Netzen ins Dorf zur\u00fcckkehrt. Und auch die Fische selbst werden immer kleiner. Das Meerwasser ist tr\u00fcb, man sieht kaum noch den Grund.<\/p>\n\n\n\n Wie so viele Stelzend\u00f6rfer in Indonesien scheint Mensanak \u00fcber dem Meer zu schweben. Schon fr\u00fcher konnte man sich kein Land leisten. Mohamed ist hier geboren, f\u00fcr ihn ist das alles ganz normal \u2013 er l\u00e4uft von Steg zu Steg, von Haus zu Haus. Am Rand der Siedlung steht die Moschee, klein und wackelig.<\/p>\n\n\n\n Das Leben \u00fcber dem Meer hat einige Vorteile. Es gibt kaum Moskitos und damit kein Denguefieber, keine Malaria. Wenn man ein neues Haus f\u00fcr den Schwiegersohn braucht, rammt man am Dorfrand einfach ein paar weitere Pf\u00e4hle in den Boden. Darauf legt man einige Bretter, und schon ist das neue Grundst\u00fcck bereit. Auch M\u00fcllentsorgung und Toiletten gestalten sich einfach: Man braucht keine komplizierte Kanalisation, alles f\u00e4llt direkt unter dem Haus ins Meer.<\/p>\n\n\n\n Der Heimweg ist f\u00fcr Mohamed wie immer beschwerlich. Nicht, weil seine Frau ihn wegen des mageren Fangs vorwurfsvoll anschauen wird. Sondern weil das Paddeln auf den letzten Metern so anstrengend ist. Ein dichter Teppich aus Abfall schwimmt unter dem Dorf. Verpackungsmaterial, Styropor, Toilettenpapier, Folien, Isoliermaterial, Schn\u00fcre. So dicht, dass selbst Pitschi, der schwarz-wei\u00df gestreifte Kater seiner Tochter, miauend \u00fcber die Suppe laufen kann.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Kumai, Borneo, Indonesien, September 2019<\/strong><\/p>\n\n\n\n Das Wasser schwappt zwischen den Dielen hoch. Ahaya ist gerade beim Geschirrsp\u00fclen. Ihre Cousine wringt drau\u00dfen die W\u00e4sche aus. Vater Ahmad steht daneben und befestigt einen K\u00f6der an der Angel. Ein halbes Dutzend Kinder springen fr\u00f6hlich kreischend ins Wasser. Als Schwimmhilfe dient eine 5-Liter-Plastikflasche. Sie ist hier leicht zu finden.<\/p>\n\n\n\n Tonnenweise schwimmt das Plastik in der graubraunen Br\u00fche. Ahayas windschiefe H\u00fctte befindet sich privilegiert direkt am Fluss \u2013 genau genommen steht sie auf einem fest am Ufer vert\u00e4uten Flo\u00df. Darauf ist noch ein weiteres H\u00e4uschen, vermutlich das Plumpsklo. Dort also, wo gewaschen, gefischt und gebadet wird. So geht es allen Nachbarn.<\/p>\n\n\n\n W\u00e4hrend wir auf einem kleinen, offenen Boot mit knatterndem Au\u00dfenbordmotor herumgefahren werden, gibt sich der Guide alle M\u00fche, uns die Sch\u00f6nheiten seiner Heimat zu zeigen. Doch mich \u00fcberkommt eher eine tiefe Depression. Sollte unser Boot kentern und sollten wir nicht sofort ertrinken, werde ich wohl an Typhus oder Cholera sterben.<\/p>\n\n\n\n \u00dcberall am Flussufer stehen H\u00fctten, mit d\u00fcrftigen Mitteln zusammengezimmert. Hier leben sie. Inmitten von M\u00fcll am Ufer, M\u00fcll im Wasser, M\u00fcll \u00fcberall. Dieser breitet sich mehr und mehr aus und wird unweigerlich auf dem m\u00e4chtigen Kumai-Fluss durch Borneo und schlie\u00dflich ins Meer gesp\u00fclt.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Uligan, Malediven, Februar 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n Die Stra\u00dfen in Uligan sind nicht geteert. Reine Sandpisten. Wozu Asphalt? Das einzige Auto im Dorf ist die neue Ambulanz. Rot gl\u00e4nzend steht sie vor dem kleinen Health Center. \u00dcberhaupt ist hier alles liebevoll gepflegt. Noch im Morgengrauen, nach dem ersten Gebet in der Moschee, s\u00e4ubert die Putztruppe der Gemeinde mit dem Rechen alle Sandstra\u00dfen des Dorfes. Siebzig Prozent der Menschen auf den Malediven sind im \u00f6ffentlichen Dienst besch\u00e4ftigt. Wovon soll man hier sonst leben?<\/p>\n\n\n\n Ich erhasche einen fl\u00fcchtigen Blick durch offene Tore in die ummauerten H\u00f6fe der H\u00e4user \u2013 \u00fcberall wuchern Blumen und Mangob\u00e4ume. Es ist friedlich, selbst auf dem Schulhof h\u00f6ren wir selten Kinder kreischen. Ein Paradies, das einen nach zwei Wochen auf See hier erwartet.<\/p>\n\n\n\n Auf der Ostseite des Atolls, wo die Wellen des Indischen Ozeans an den Strand donnern, ist alles voller Plastik. Doch das Dorf selbst bem\u00fcht sich, im Einklang mit der fragilen Natur zu leben und sie zu sch\u00fctzen. Anorganischer M\u00fcll wird auf einer Deponie vergraben, organischer auf dem Kompost entsorgt, Gem\u00fcse wird selbst angebaut, statt es zu importieren, mit Solarzellen versucht man, den Betrieb des gemeindeeigenen Dieselgenerators zu entlasten. Der kleine Hafen und der Lagunenstrand sind blitzsauber.<\/p>\n\n\n\n Das Angebot im Dorfladen ist verst\u00e4ndlicherweise nicht sehr reichhaltig. Nur das N\u00f6tigste zum Leben gibt es. Trotz eigener Produktion muss vieles aus der Hauptstadt Mah\u00e9 oder sogar aus Indien herangeschafft werden.<\/p>\n\n\n\n Ich entdecke eine gro\u00dfe Wassermelone in der Auslage. Izara \u00fcberreicht sie mir charmant in einer wei\u00dfen Plastikt\u00fcte. Dabei hat die Melone doch schon eine sch\u00fctzende H\u00fclle. Wundersch\u00f6n gl\u00e4nzend und nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Rotes Meer, April 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n Seit Tagen bl\u00e4st es wie wild aus Norden. Genau auf unsere Nase. Tiefblau ist das Wasser, bei Wind sieht man die wei\u00dfen Kronen der Wellen. Wir segeln im Roten Meer. Sp\u00e4ter, nach dem Suezkanal, kommen wir ins Wei\u00dfe Meer, wie die Araber unser Mittelmeer nennen. Und wir k\u00f6nnten weiter bis zum Schwarzen Meer fahren, w\u00e4re da nicht gerade Krieg.<\/p>\n\n\n\n Aber nat\u00fcrlich hat das Meer keine Farbe. Wenn es die schwarzen Gewitterwolken reflektiert, wird es dunkelgrau. Bei Sonnenuntergang rot. Bei strahlendem Himmel tiefblau.<\/p>\n\n\n\n Wasser selbst ist farblos. Reines, durchsichtiges H\u2082O. Doch das t\u00e4uscht. Denn stets schwimmen kaum sichtbare Partikel mit. Plastikm\u00fcll, der langsam, aber sicher in immer kleinere Teile zerf\u00e4llt \u2013 Mikroplastik. Ohne dass sie f\u00fcr die n\u00e4chsten drei- bis vierhundert Jahre von Mikroorganismen abgebaut werden k\u00f6nnten, enden sie in Nanogr\u00f6\u00dfe, also einem Millionstel Millimeter, sodass wir sie l\u00e4ngst nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Dabei l\u00f6sen sich giftige Spurenstoffe. Fische schlucken diese Nanopartikel wie Plankton. Bon Appetit!<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Die Weltmeere, 2011 bis 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n Das Meer ist alles. Hier entstand das erste und urspr\u00fcnglichste Leben auf unserem Planeten. Das Meer nimmt vieles auf und regeneriert es in den unendlichen Kreisl\u00e4ufen von Str\u00f6mungen, Wellen und Winden. Im Meer endet aber auch achtlos, was wir nicht mehr brauchen. So bringen wir die nat\u00fcrlichen Kreisl\u00e4ufe zum Erliegen.<\/p>\n\n\n\n Als G\u00e4ste der unglaublichen Sch\u00f6nheit des Meeres sind wir um die Welt gesegelt. Das Meer ist die Existenz des Menschen.<\/p>\n\n\n\n * * *<\/p>\n\n\n\n Barcelona, September 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n Nun sitze ich daheim vor dem Computer und schreibe an diesem nicht enden wollenden Buch. Ich lese auf cleanseas.org<\/em>\u00fcber die unglaublichen Mengen an Plastikm\u00fcll in den Weltmeeren. Vierhundert Millionen Tonnen Plastik produzieren die Menschen weltweit pro Jahr. Eine unvorstellbare Zahl!<\/p>\n\n\n\n Schockiert mache ich eine Pause. Ich kaufe im Bioladen gegen\u00fcber ein. In einen aus Bast geflochtenen Einkaufskorb lege ich den Joghurt aus heimischer Produktion im laminierten Pappbecher. Und ein paar Bio-Kiwis aus Neuseeland, verpackt in kleinen Plastiknetzen.<\/p>\n\n\n\n Chichime, Guna Yala, Panama, Januar 2015 Lisa sitzt im Schatten vor ihrer H\u00fctte. Seit Tagen stickt sie an einer orangefarbenen Mola, in die sie akribisch feine blaue und gelbe Muster aus der Mythologie der Kuna …<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":18511,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[504],"tags":[505,508,507,506,509,510],"class_list":["post-18506","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-504","tag-cambio-climatico","tag-climate-change","tag-turn-the-tide-tu-plastic","tag-tuvalu-2","tag-vuelta-al-mundo","tag-weltumseglung"],"yoast_head":"\r\n[1]\u00a0Eine \u201aMola\u2018 ist ein bunter Stoffschmuck, der von den Cuna-Indigenen aus San Blas in Panama hergestellt wird. -\u00a0\u00a0Definition der Real Academia Espa\u00f1ola de la Lengua.<\/pre>\n\n\n\n
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