{"id":17232,"date":"2014-03-15T17:27:07","date_gmt":"2014-03-15T17:27:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/the-saila\/"},"modified":"2014-03-15T17:27:07","modified_gmt":"2014-03-15T17:27:07","slug":"the-saila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/de\/the-saila\/","title":{"rendered":"the saila"},"content":{"rendered":"

Inzwischen wissen wir es. Die sch\u00f6nen weissen Blumenkohlwolken welche \u00fcber uns hinwegziehen verdanken wir Paluhuala<\/em>, der in der Fr\u00fchzeit die Seile der zusammengebunden Wolken mit einer hacha<\/em> zerhackt hat. Seit dann treiben sie nun in den Passatwinden endlos um den Globus.<\/p>\n

Nicht nur die Wolken \u00fcber den perfekt Ansichtskartensujets entsprechenden Palmenstrandinseln haben es uns angetan. Wir versuchen auch die Kultur der hier noch so urspr\u00fcnglich lebenden Indianer zu verstehen.<\/p>\n

Hier also ein kurzer (naja, f\u00fcr ein Blog schon eher langer…) Abriss des aktuellen Standes der Dinge. Wobei je nach Dorfgemeinschaft die Traditionen mehr oder weniger orthodox befolgt werden.<\/p>\n

Es beginnt mit dem Namen. Es heisst Kuna Yala<\/em> statt San Blas<\/em> \u2013 jemand respektloser hat schon vor l\u00e4ngerer Zeit ihren sch\u00f6nen Namen ge\u00e4ndert *. Doch schon vor den f\u00fcrchterlichen Eroberungsz\u00fcgen der Spanier vor 500 Jahren waren die Kuna Indianer hier. Denn Iberogun<\/em> – Gott der Kuna\u2019s – hat die Welt, die Natur, die Lebewesen erschaffen. Von seinem Lebensbaum stammt alles ab, die Kuna\u2019s, die Fische, die Inseln, das Wasser, die Passatwolken. Seit Generationen wird diese Evolutionsgeschichte m\u00fcndlich weitergegeben, in welcher sich religi\u00f6se mit ganz praktischen Angaben mischen.<\/p>\n

Jedes Dorf wird im congreso<\/em>, dem Gemeindehaus, gelenkt. In der Mitte der grossen, mit Palmwedeln bedeckten H\u00fctte baumeln in H\u00e4ngematten die Sailas<\/em>. Diese leiten die Gemeinschaft spirituell wie politisch. Um sie herum sind Holzb\u00e4nke f\u00fcr das gemeine Volk angebracht. Mehrmals pro Woche tagt die Volksversammlung, der congreso<\/em>. Die Teilnahme ist f\u00fcr alle obligatorisch, wird in kleinen pers\u00f6nlichen B\u00fcchlein penibel kontrolliert – und bei zu vielen Absenzen wird man geb\u00fcsst.<\/p>\n

Bei den Tagungen des congreso<\/em> werden von den Saila\u2019s in monotonen Ges\u00e4ngen die Religion, Geschichte und Mythen weitergegeben. Aber es werden auch aktuelle Probleme vorgebracht, diskutiert und am Schluss f\u00e4llt der weise Saila <\/em>seine Entscheidung. Muss Saila 1<\/em> \u2013 der eigentliche Vorsteher – mal weg, dann \u00fcbernimmt Saila 2<\/em>, oder dann Saila 3<\/em>. Somit gibt\u2019s auch drei H\u00e4ngematten. Ihnen zugeordnet sind auch drei Interpreten, welche die manchmal verwirrlichen Geschichten aus der Fr\u00fchzeit in die heutige Zeit \u201e\u00fcbersetzten\u201c.<\/p>\n

Die Saila\u2019s werden demokratisch gew\u00e4hlt und k\u00f6nnen \u2013 was zwar selten passiert \u2013 vom Dorf auch wieder abgesetzt werden. Ihre Entscheidungsgewalt ist enorm. Der Saila <\/em>schlichtet Konflikte, verwaltet das gemeinschaftliche Budget, bestimmt Arbeitseins\u00e4tze, Bussen, Steuerabgaben und erteilt Bewilligungen aller Art: zur Heirat (normalerweise nur unter Kuna\u2019s), zum Reisen (nach Panama City oder auf die n\u00e4chste Insel), zum Bauen, Fischen, Studieren oder wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten. Ohne Saila l\u00e4uft gar nichts im Dorf. Denn die religi\u00f6se und die politische Macht ist, \u00e4hnlich wie im Islam, vereint in einem einzigen F\u00fchrer, dem Saila.<\/p>\n

Die Saila\u2019s aller D\u00f6rfer treffen sich im Congreso Nacional<\/em>. Dieser wiederum w\u00e4hlt drei Saila\u2019s, die Cacique\u2019s<\/em>, welche die Kunas im nationalen Parlament von Panama vertreten. Ein induktives demokratisches System welches an jenes vom kommunistischen Kuba erinnert. Kuna Yala hat zudem eine weitgehende Autonomiestatus innerhalb von Panama, was sich in vielen Freiheiten (beispielsweise zahlen sie keine Steuern…) und ganz wenigen Pflichten gegen\u00fcber Panama ausdr\u00fcckt.<\/p>\n

F\u00fcr die Gesundheit sorgen Schamane oder auch ein paar wenige Kleinspitale. Die Geschlechtsreife de jungen Frauen wird mit einem grossen Dorffest \u2013 la chicha<\/em>. Ein botell\u00f3n<\/em> a la Kuna<\/em> wo stets alle erkl\u00e4rtermassen sturzbetrunken zu enden haben. Die Anleitung dazu kommt von Iberogun<\/em> und wird in der Evolutionsgeschichte detailliert weitergegeben. Die Frauen haben im congreso<\/em> dasselbe Mitbestimmungsrecht wie die M\u00e4nner und sind letztendlich auch das Herz der Familie. Heiratet ein Mann so zieht er immer ins Haus der Frau. Auch ist sie es welche die Finanzen kontrolliert – eine Art Matriarchat.<\/p>\n

In den meisten D\u00f6rfern gibt es Primarschulen, der Unterricht ist bilingual spanisch \u2013 kuna. Ab dem 10. Schuljahr muss man jedoch nach Panama City, falls man weiter zur Schule oder Studieren will. Auf einer dieser vielen Mini \u2013 Inseln haben wir eine Familie getroffen welche dort ganz alleine lebt. Ihre beiden Kinder gehen nicht zur Schule. Wie auch, wenn man bloss ein Einbaum mit Paddel hat und die Schule 15 Seemeilen entfernt ist?<\/p>\n

Erst seit ein paar Jahren verbindet eine einzige holprige Landstrasse die Region Kuna Yala mit dem restlichen Staatsgebiet von Panama. Obwohl alles Teil von Panama gibt es dazwischen eine Grenzkontrolle. Die ist nachts geschlossen und f\u00fcr Kuna\u2019s nur mit Bewilligung des Saila\u2019s zu \u00fcberschreiten. Verl\u00e4sst man Kuna Yala um definitiv in Panama City zu arbeiten so gibt es – je nach Orthodoxie des saila\u2019s – oft auch kein zur\u00fcck mehr. Man wird quasi ausgeb\u00fcrgert. 75% der Kunas leben so inzwischen ausserhalb ihres Stammesgebietes. Bei der urbanen Dichte der D\u00f6rfern auf den putzig kleinen Inseln hat dies aber durchaus auch ganz praktisch Gr\u00fcnde.<\/p>\n

Wie uns ein j\u00fcngerer Kuna erz\u00e4hlte hat man nicht gross dar\u00fcber nachgedachte, dass eine Strasse immer eine Verbindung in zwei Richtungen darstellt. So k\u00f6nnen die Kuna\u2019s nun nicht bloss leichter ihre Produkte in Panama City verkaufen, was das haupts\u00e4chliche Argument war als man die Strasse gebaut hat. Denn heute kommen so neben viele Touristen auch ganz unverhofft der moderne westliche Lebensstil ins zuvor so abgeschottete Land.<\/p>\n

Dies alles erkl\u00e4rt uns Saila<\/em> Arturo als er uns auf unserer Yacht besucht. Wir bewirten ihn stammesgerecht mit tortilla espa\u00f1ola, jam\u00f3n<\/em> und vino tinto<\/em>, derweilen Saila Arturo weise erkl\u00e4rt und wir dem\u00fctig nachfragen. F\u00fcr weitere Details \u00fcberl\u00e4sst er uns eine f\u00fcnfzigseitige handgeschrieben Evolutionsgeschichte der Kuna\u2019s**. Sp\u00e4ter besuchen wir auf der isla Maquina<\/em> einen gerade tagenden congreso<\/em> und sprechen dort auch lange mit dem Dorflehrer Miliciano<\/em> \u2013 so k\u00f6nnen wir die Informationen kontrastieren.<\/p>\n

Wir versuchen zu verstehen, doch ehrlicherweise gelingt es uns trotz allen Bem\u00fchungen nur teilweise. Warum? Einerseits weil wir ja nicht als Kuna\u2019s geboren sind und so kaum in ein paar Stunden ihre Kultur verstehen k\u00f6nnen und wohl auch immer mit unserem westlich gepr\u00e4gten Verstand interpretieren. Andererseits weil sich uns zunehmend Inkonvergenzen auftun.<\/p>\n

Wie definiert die Kultur eines Volkes? Vielleicht durch spezifische Traditionen, Mythenbildungen und Legenden, kollektive Feinbilder, Sprachen, politische Systeme? Versuchen wir es mal: In der Schweiz also Jodel, R\u00f6sti<\/em> und K\u00e4se mit L\u00f6chern<\/em>, Tell und Winkelried<\/em>, die b\u00f6sen \u00fcberm\u00e4chtigen Habsburger oder Europ\u00e4er, scheinbar 500j\u00e4hrige Volksdemokratie, aber keine einigende Sprache. Die Katalanen mit Sardanes, Caganets<\/em> und Cal\u00e7ots<\/em>, nat\u00fcrlich San Jordi, <\/em>der Kampf gegen b\u00f6se \u00fcberm\u00e4chtige Drachen oder \u201eMadrid\u201c, 500 Jahre Demokratie im \u00a0Consell de Cient<\/em>, das Katalanische als einigende Sprache. Die Kuna\u2019s mit Molas<\/em> (mit aufw\u00e4ndigen Mustern gestickte Stoffe), Iberogun<\/em>, der heroische Kampf gegen die Spanier und Panamanesen, die Volksdemokratie seit Menschengedenken im congreso <\/em>und den Sailas<\/em>, und auch das kuna<\/em> als einigende Sprache. Die These scheint also zu klappen.<\/p>\n

Die Kultur der Kuna\u2019s zu erhalten scheint also zweifelsfrei ehrenwert zu sein und wir als Reisende freuen uns auch \u00fcber das pittoreske, andersartige Ambiente und das intakte \u00d6kosystem. Auch wenn man zunehmend vom Tourismus profitiert \u2013 in den Buchten mit (zu-) vielen Yachten, auf einigen Inseln mit kleinen im traditionell Stil gebauten Restaurants und Bungalows \u2013 die Natur \u00fcber und unter dem Wasser scheint v\u00f6llig intakt geblieben zu sein. Auch haben die Kuna\u2019s erfolgreich verhindert, dass hier wie in anderen Regionen Panamas grosse internationale Tourismusfirmen ans\u00e4ssig werden. Also keine amerikanischen oder spanische Hotelkl\u00f6tze, keine protzigen Marinas. Kaum wo in der Karibik wurde dies mit einer solchen Konsequenz erreicht. Die Natur ist intakt, das Business ist in den H\u00e4nden der Kuna\u2019s und stetig ziehen die Passatwolken \u00fcber uns dahin.<\/p>\n

Doch: Die Sujets der Mola\u2019s haben sich in den letzten Jahren ver\u00e4ndert. Fr\u00fcher waren es noch v\u00f6llig abstrakte Muster, heute erscheinen auch Papageien und Samichl\u00e4use. Verkauft sich einfach besser.<\/p>\n

Wenn Kultur zur Folklore mutiert l\u00e4uft etwas schief<\/em>.<\/p>\n

Denn alles hat auch hier seinen Preis: Langosten werden auch in der Schonzeit verkauft, hundertj\u00e4hrige Grosi\u2019s darf man f\u00fcr 2 USD abfotografieren, angeschwemmte Kokainp\u00e4ckchen werden unreflektiert der kolumbianischen Drogenmafia zur\u00fcckverkauft und der Saila verteilt die Einnahmen dann via congreso dem ganzen Dorf. Und selbst f\u00fcr\u2019s eigenh\u00e4ndige abfotografieren der Evolutionsgeschichte m\u00fcssen wir dem Saila<\/em> 20 USD \u201espenden\u201c. Verst\u00e4ndlich, doch ist so diese Kultur noch zu halten?<\/p>\n

Geht es um Kulturerhalt oder um die Verhinderung von Wissen und Fortschritt? Sind die Saila\u2019s Don Quijotes<\/em>?<\/p>\n

Neben den mit Palmbl\u00e4ttern gedeckten H\u00fctten sind Solarpanele, Satellitensch\u00fcsseln und Energiesparlampen auszumachen. Die jungen Kuna\u2019s telefonieren mit ihren Mobiles, surfen im \u00a0Facebook, schauen amerikanische TV Serien, haben nun auch dr\u00f6hnende Lautsprecher in der H\u00fctte stehen, sind Bar\u00e7a- oder Real- Fans und kleiden sich wie Neymar. Lieber eine lancha<\/em> mit einem 100 PS Ausserborder statt einen langsamen Einbaum. Fischer zu werden oder ein Leben lang Molas zu sticken wird f\u00fcr sie wohl kaum noch der grosse Lebenstraum zu sein.<\/p>\n

Weiss darauf der Saila wirklich eine Antwort?<\/p>\n

\n
\n
\n

* \u00a0Mira el excelente retrato sobre las kunas en el libro del vueltamundista espa\u00f1ol Miguel Rodriguez Larrosa; OCEANOVI \u2013 relatos de una vuelta al mundo; Ediciones Mendrugo. En Espa\u00f1a se vende en las librer\u00edas de Alta\u00efr.<\/p>\n

** La historia de la antig\u00fcedad de indios de San Blas despu\u00e9s del tiempo de diluvio universal<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n

\n

 <\/p><\/blockquote>\n

 <\/p>\n\n\t\t