{"id":17192,"date":"2013-05-25T13:42:47","date_gmt":"2013-05-25T13:42:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/drifting\/"},"modified":"2013-05-25T13:42:47","modified_gmt":"2013-05-25T13:42:47","slug":"drifting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/de\/drifting\/","title":{"rendered":"drifting"},"content":{"rendered":"
Nachmittags um vier legte sich die Brise. Da ich nichts mehr sah als bloss Wasser und Himmel, so also keine Bezugspunkte mehr hatte, verstrichen mehr als zwei Stunden bis ich begriff, dass sich das Flo\u00df bewegte. Doch in Realit\u00e4t bewegte es sich seit ich mich darin befand. In einer geraden Linie, von den Winden mit einer gr\u00f6sseren Geschwindigkeit angetrieben als ich es mit rudern h\u00e4tte tun k\u00f6nnen. Allerdings hatte ich weder eine Vorstellung der Richtung noch meiner Position. Ich wusste nicht, ob sich das Flo\u00df in Richtung K\u00fcste oder in die Karibische See hinein bewegte. Letzteres schien mir eher denkbar zu sein, da ich der Meinung war, dass es schier unm\u00f6glich sei das etwas, das 200 Meilen ins Meer hinaus gelangt war wieder zur\u00fcck an die K\u00fcste geschwemmt w\u00fcrde. Und noch weniger wenn es sich um etwas so schweres handelt wie ein Mann in einem Flo\u00df.(…) Nach Mitternacht war ich dem Weinen nahe. Ich hatte nicht eine Sekunde geschlafen, wenn auch ich es schon gar nicht erst versucht hatte. Mit der selben Hoffnung mit der ich versuchte am Nachmittag am Horizont Flugzeuge zu sehen, suchte ich in zu n\u00e4chtlichen Stunden Lichter von Schiffen. W\u00e4hrend langen Stunden suchte ich den Horizont ab. Das Meer war ruhig, immens und still, aber ein einziges anderes Licht als das der Sterne war nichts auszumachen. Die K\u00e4lte wurde st\u00e4rker in den fr\u00fchen Morgenstunden (…). Ab Mitternacht schmerzte mir mein rechtes Knie und ich f\u00fchlte mich, wie wenn das Wasser mir bis auf die Knochen eingedrungen w\u00e4re. Aber diese Gef\u00fchle waren letztendlich unwesentlich. Ich dachte nicht so sehr an meinem K\u00f6rper als an die Lichter der Boote. Und ich hoffte, dass ich in Mitten jener unendlichen Einsamkeit, inmitten der dunklen Ger\u00e4usches des Meeres, das Licht eines Schiffes sehen w\u00fcrde um sodann so laut zu schreien dass man mich in jeglicher Entfernung h\u00f6ren w\u00fcrde.<\/em><\/p>\n Gabriel Garc\u00eda M\u00e1rquez; Bericht eines Schiffbr\u00fcchigen; 1984<\/p>\n Eine der ureigensten Charakteristiken der Seefahrt ist jener Zustand des \u201esich auf See\u201c zu befinden. Man f\u00e4hrt hinaus in die Weite, verl\u00e4sst das Land, das Vertraute, die Liebe, die Heimat. So treibt man dahin bis sich am Horizont das Ziel, der rettenden Hafen abzeichnet.<\/p>\n Das Entscheidende ist das Dazwischen<\/em>. Weder hier noch dort. Einmal die K\u00fcste hinter sich gelassen verschwindet jegliches Gef\u00fchl f\u00fcr Zeit und Ort. \u201cEs verstrichen mehr als zwei Stunden bis ich begriff, dass sich das Flo\u00df bewegte\u201c. <\/em>Aufgehoben in der Unendlichkeit, entnabelt, befreit von alten Sensibilit\u00e4ten, Gebr\u00e4uchen, Liebschaften. Vielleicht Vorfreude auf Neues, doch bis zur Ankunft und der Realisierung der Tr\u00e4ume dauert es noch lange. Je unbekannter das Ziel, je unklarer die Reisedauer, desto intensiver die Reise.<\/p>\n Manchmal ist die Fahrt nur kurz, doch manchmal auch sehr lange. Bernard Moitessier segelte 1968 1 \u00bd mal nonstop um die Welt, in etwa 37’000 Seemeilen. Manchmal ist sie freiwillig und scheinbar ziellos wie bei uns auf TUVALU, oder sie ist erzwungen, wie bei M\u00e1rquez Schiffbr\u00fcchigen.<\/p>\n Nur wenige Ereignisse unterbrechen die endlose Fahrt. Zum Beispiel wenn man \u201eMitten in jener unendlichen Einsamkeit, inmitten der dunklen Ger\u00e4usches des Meeres, das Licht eines Schiffes\u201c <\/em>sieht. <\/em>Unzweifelhaft wird man dann auch \u201eso laut schreien dass man mich in jeglicher Entfernung h\u00f6ren w\u00fcrde\u201c. <\/em>Auch f\u00fcr uns eine Essenz des Segelns: Das Meer als Gef\u00fchlsverst\u00e4rker.<\/p>\n \u201cA la deriva<\/em>\u201c (=treibend) heisst eine Kunstaktion an der vor ein paar Wochen TUVALU teilnehmen durfte. Unser Freund und K\u00fcnstler aus Spanien Jordi Isern (www.jordiisern.net<\/a>) nutzte seine Zeit bei uns um einen entscheidenden Moment dieses Projektes umzusetzen. 17 kleinformatige Bilder von ihm wurden in versiegelten Plastikr\u00f6hren etwa zwei Meilen s\u00fcdlich von Cayo Rosario, Cuba (N21\u00b031 W081\u00b056) ins Meer gegeben. Seit dem 14.M\u00e4rz 2013 treiben sie nun dahin. Der gl\u00fcckliche Finder darf das Werk behalten, ist aber gebeten den K\u00fcnstler \u00fcber Ort und Zeitpunkt zu unterrichten.<\/p>\n Das Moment des \u201eDazwischen\u201c l\u00e4sst auf verschiedenen Ebenen dieses Projekt erkl\u00e4ren.<\/p>\n Normalerweise ist der Prozess des \u00dcbergangs zwischen K\u00fcnstler und Kunstbesitzer weitgehend gekl\u00e4rt. Das Bild h\u00e4ngt oder steht im Atelier des K\u00fcnstlers (vielleicht kurzzeitig in einer Galerie) bis es vom (bekannten) K\u00e4ufer zum vereinbarten Termin bezahlt und abgeholt wird, welcher es seinerseits dann wieder in seinem Wohnzimmer aufh\u00e4ngt und gl\u00fccklich betrachtet.<\/p>\n Doch bei \u201cA la deriva<\/em>\u201c \u00f6ffnet sich hier ein unendlicher Raum. Die Kapseln schwimmen im Meer dahin, werden vielleicht mal irgendwo an einen Strand geschwemmt, dort allenfalls gefunden und eventuell vom Finder als Kunst erkannt und dann in seinem Wohnzimmer aufgeh\u00e4ngt. Oder vielleicht gehen auch alle 17 Bilder verloren oder schwimmen endlos in einem Strudel auf Hochsee. Das Entscheidende in \u201cA la deriva<\/em>\u201c ist somit weder die Konstruktion des Werks durch den K\u00fcnstlers, noch die message<\/em> des Bildes, noch die Perzeption des Betrachters. Sondern das ungewisse Dazwischen<\/em>.<\/p>\n Jordi Isern merkte an, dass es sich bei \u201cA la deriva<\/em>\u201c auch um ein durchaus politisches Manifest handelt. 17 Bilder treiben dahin, so wie die 17 Kubaner die 1999 von Cienfuegos aus ihr Gl\u00fcck mit einem Floss in einer neuen Heimat suchten. Verstehen wir das Dazwischen<\/em> als die Essenz von \u201cA la deriva<\/em>\u201c so l\u00e4sst sich hier das Werk sicherlich als Protest gegen totalit\u00e4re politische Systeme verstehen. Grenzen, Mauern, Verbote \u2013 Ideologien die wichtiger sind als die pers\u00f6nliche Freiheit.<\/p>\n Das Meer als Synonym der Toleranz, ein zeitloser Raum ohne Grenzen \u2013 und nicht getrennt durch Nationalismen, da wir eine einzige Mischgemeinschaft bilden, welche von jeder Last des Provinzialismus befreit<\/em> ist<\/em> (Che Guevara, 1952<\/em>), und uns so alle als gleichwertige Br\u00fcder und Schwestern vorbehaltlos aufnimmt.<\/p>\n Nb.<\/p>\n – Ein Video uns \u00fcber der Kunstaktion ist hier zu sehen: YouTube<\/a><\/p>\n – Zudem berichtete auch das spanische Fernsehen RTVE berichtete \u00fcber die Aktion in einem kurzen Beitrag (auch TUVALU ist zu sehen!). Zu finden hier<\/a>, Minute 23:10<\/p>\n <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" Nachmittags um vier legte sich die Brise. 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