{"id":17138,"date":"2012-08-22T11:51:12","date_gmt":"2012-08-22T11:51:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/wohin-wir-reisen-mit-charles-baudelaire\/"},"modified":"2012-08-22T11:51:12","modified_gmt":"2012-08-22T11:51:12","slug":"wohin-wir-reisen-mit-charles-baudelaire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tuvalubarcelona.es\/de\/wohin-wir-reisen-mit-charles-baudelaire\/","title":{"rendered":"Wohin wir reisen (mit Charles Baudelaire)"},"content":{"rendered":"
Und, da ist er wieder. Der Traum dem Alltag den R\u00fccken zu kehren und sich irgendwo in der Ferne niederlassen. Zum Beispiel auf einer einsamen Insel, wo nichts an den Alltag erinnert. Dort wo man nicht von \u201ela crisis\u201c, \u201eel rescate\u201c und der \u201eprima de riesgo\u201c spricht.\u00a0Denn nun sitzen wir ja schon seit Wochen im traurigen Spanien und die sch\u00f6ne TUVALU liegt einsam in Trinidad. Hoffentlich sausen wenigstens die Hurrikane schadlos an ihr vorbei.<\/p>\n
Ja, wir wollen wieder hinaus. Die See ruft. Doch, warum denn auch? Ist es Drang nach der Ferne? Dort wo scheinbar \u201eOrdnung nur und Sch\u00f6nheit, Luxus, Stille und Wollust“ herrscht? Einfach weg von hier, aus dem krisengesch\u00fcttelten Spanien \u2013 weil es auf einer sch\u00f6nen Palmeninsel einfach besser ist?\u00a0 Wo die Exotik uns gl\u00fccklich macht, die bunten karibischen M\u00e4rkte, das unverst\u00e4ndlich Chaos der Fremden oder die stille Weite der Ozeane?<\/p>\n
Vor mir liegt der \u201ePacific Crossing Guide\u201c. Bora Bora. Motu Tunga. Hiva Oa. Nur schon diese Worte l\u00f6sen eine unstillbare Sehnsucht aus. Geschweige denn die Seekarten und die sparsam gesetzten Fotos. Stundenlang, wochenlang kann ich mir auf der Seekarte ausdenken wie wir da jetzt durch dieses und jenes Riff fahren, wann und von wo aus wir die n\u00e4chste grosse \u00dcberfahrt starten. Darwin, Cook, Humboldt, Geiss, Kolumbus, Moitessier, Cornell. Ganze B\u00fccherw\u00e4nde werden zerlesen.<\/p>\n
Nach einem Jahr segeln m\u00fcssten wir doch wissen, dass es auch nicht immer nur toll ist: \u201eWir sahen Sterne und Wogen; wir sahen W\u00fcsten auch; Und trotz mancher Widrigkeiten und schlimmen \u00dcberraschungen haben wir uns oft gelangweilt; so wie hier\u201c. Doch dies h\u00e4lt uns nicht davon ab. \u201eMir scheint immer, dort, wo ich nicht bin, w\u00e4re ich gl\u00fccklich\u201c. Der Mensch ist stur.<\/p>\n
Deshalb gehe ich Abends zum Hafen. Im Port Vell<\/em> in Barcelona, wo mich der \u201eunendliche, geheimnisvolle Reiz der Schiffe erregt\u201c. Diese \u201eriesigen, unermesslichen, ungeheuer vielf\u00e4ltigen, dennoch sch\u00f6n bewegten Wesen\u201c. Die sich wie \u201eein genialisch begabtes Tier\u201c verhalten, welche \u201ealle menschlichen Seufzer und Sehns\u00fcchte mitleiden und verhauchen\u201c. Da also, wo dieses unwiderstehliche Gef\u00fchl des Zeitlosen schon leicht mitschwingt. Vielleicht vergleichbar mit Autobahnrastst\u00e4dten und Flugh\u00e4fen. Nur sind H\u00e4fen noch intensiver. Es ist weniger das Ankommen oder Losfahren. Die Luft ist getr\u00e4nkt vom weder hier noch dort, vom weder gestern, heute noch morgen. Von der Vorfreude auf das in weiter Ferne liegende, noch ungetr\u00fcbt und jungfr\u00e4uliche exotische Ziel.<\/p>\n Reisen findet also \u2013 auch – im Kopf statt. Zuhause, auf dem Atlantik, in Kuba, auf Tuvalu. Einmal unterwegs sind Reisen Geburtshelfer von Gedanken. Befreit von den \u00c4ngsten und Zw\u00e4ngen der Heimat f\u00f6rdert die Weite des atlantischen Horizontes oder das Chaos des karibischen Marktes das Entstehen eines inneren Zwiegespr\u00e4chs. Neue Gedanken erfordern zuweilen eine neue Aussicht. Viele pflegen ihre Wurzeln, ihre Dialekte, ihre Tradition \u2013 das Vertraute. Ich hingegen war schon immer Ausl\u00e4nder. Als Fremder kann man der Tradition nur Sehnsucht entgegen halten. Suchen wir etwas \u2013 ausser uns selbst?<\/p>\n Wohin sollen wir nun also segeln? Das gute an Weltumseglungen ist, dass sie keine Ziele haben. Nirgendswohin und \u00fcberall sollten wir hin. Die Fremde ist unsere Heimat. Zuhause ist wo man mich h\u00f6rt.<\/p>\n Charles Baudlair (1821 -1876, Paris) versuchte nur ein einziges mal seine Reisetr\u00e4ume umzusetzen: mit dem Schiff nach Indien. Doch nach drei Monaten auf See geriet das Schiff vor Mauritius in schwere St\u00fcrme worauf er die Reise abbrach und zur\u00fcck nach Paris fuhr. Die Folge war ein lebenslanger innerer Zwiespalt in Bezug auf das Reisen. Die Zitate (mit Anf\u00fchrungszeichen) stammen aus <\/em>Charles Baudlair; Tageb\u00fccher; Carl Hansen Verlag; M\u00fcnchen<\/em><\/p>\n