95%

2018-03-15T15:56:57+00:00 18 August, 2016|2016, Tonga, Vanua Levu|

Die Hütte steht etwas schief. Ein rostbraunes Wellblechdach. Die Wände aus Sperrholz, die undefinierbare Farbe abblätternd. Fenster, mit Brettern wieder halb zugeschalt. Doch im Garten schiessen tropische Blumen aus der Erde. Zwischen einem verrostenden Auto, einem alte Kühlschrank und einem kaputtem Plastik – Spieltraktor hüpfen die Hühner. Das Haus schäbig umzaunt, die frei im Dorf rumvagabundierenden Schweine bleiben so draussen. Wie zufällig hingeworfen stehen die Hütten auf der Ebene, Strassen sind unbekannt. Für was denn auch? Kein Zentrum, keine Hierarchie, keine Symbole. Alles scheint zufällig, improvisiert.

Da wird mein Intellekt als Architekt gefordert. Ist dies nun auch Architektur? Oder einfach ein ungeordneter Abschaum von schlechtem Bauen? Zeichen der Armut, Unkultiviertheit? Die Versuchung ist gross sich als kulturelle Imperialist zu versuchen. Dass sie mal anständig bauen, planen. Oder wenigstens mal aufräumen.

Seit Vitruv wissen wir, dass gute Architektur aus einem ausgewogenen Verhältnis zwischen firmitas, utilitas und venustas besteht. Also Konstruktion, Nutzung und Schönheit. Dieses Gleichgewicht verschiebt sich mal mehr dahin, mal mehr dorthin.

In der sogenannten ersten Welt scheint sich die Architektur zusehends auf die venustas zu konzentrieren, die Lehre der Schönheit. Zeitgenössische Architektur präsentiert sich wieder mal bunt, auffällig, oberflächlich, ornamenthaft. Dem schnellen Konsum heischend. Dem haben sich die Nutzungen und die Logik der Konstruktion zu unterwerfen. Architektur, die nicht als Push – Meldung auf dem iPhone Platz hat, scheint in ihre Berechtigung verloren zu haben. Kumpel Calatrava zum Beispiel: 95 Prozent venustas, und nur ganz klitzeklein wenig firmitas und utilitas.

Doch wie steht es mit den Dörfern die wir beim Segeln besuchen? Etwa in Honduras, Marquesas, Tonga? Hier im gleich nebenan liegenden Dorf Vakataumai? Die Gemeinschaft ist arm, es reicht bloss zum Allernötigsten. Man ist froh, wenn man gesund bleibt. Es regnet oft, also viel Schlamm. Und im Winter ziehen zu allem Elend noch die Zyklone über die Inseln. Zerstören das Wenige das man hat.

Als kulturelle Imperialist würde ich hier in Beton bauen. Stabil, das ihnen der Zyklon nichts anhaben kann. Doch die firmitas zelebriert das Vergängliche. Ein Leichtbau aus Holz, halb vorfabriziert. Wird dieser weggefegt, dann hat man schnell einen neuen gebaut. Die utilitas ist das einzige was zählt. Zweckbauten. Ein Dach über dem Kopf wenn’s regnet. Manchmal ist die Küche drinnen, manchmal draussen. Das Klo ebenso. Die venustas? Inexistent. In der absoluten Misere scheint kein Platz für Ästhetik zu sein.

Die Hilfsprojekte aus Australien, Amerika, Japan bauen, Schulen, Kirchen, zyklonsichere Aufenthaltsräume, stand alone Solarpaneele zur Stromversorgung. Sie tun Gutes, unbestreitbar, und glücklicherweise gibt es sie und kümmern sie sich um die arme Bevölkerung von Tonga. Doch gleichzeitig importierten sie auch ihre Baukonstruktion. Holz – Leichtbauweise ist definitiv nicht die traditionelle Baukultur Tongas. Denken wir an die islamische Architektur Marokkos, an die Iglus der Eskimos, an die Heustaden in den Schweizer Alpen, an die Hütten der Kunas in San Blas. Alle bauen mit den vor Ort vorhandenen Materialien eine Architekturtypologie und -konstruktion, welche im Einklang mit dem Ort stehen. Anonyme Architekturen ohne Architekten, welche durch die Limitierung der Mittel nachhaltig und mit den klimatischen Verhältnissen des Ortes im Einklang sind. Und daraus resultierend sich äusserst ästhetisch präsentieren. Traditionelle, über Generationen weiterentwickelte Architektur ist in Tonga gleich wie in Französisch Polynesien praktisch inexistent.

Wie überall auf der Welt ist die Architektur das aktuelle Abbild der gesellschaftlichen Strukturen, in Stein geronnene Gesellschaftsform. An ihr lesen wir der Zustand der Nation ab. Deshalb bewundern wir die Pyramiden in Ägypten, die Oper in Dresden, der Mies in Barcelona, und selbst einige Calatrava in Valencia.

Auch auch in Vakataumai geht es somit um Architektur. 95 Prozent Utilitas.

Ps. Mehr Architekturvermittlung? >>> Guiding – Architects

4 Comments

  1. Jordi Isern Freitag, der 19. August 2016 um 09:15 Uhr - Antworten

    Buena lección

  2. P&M Scherbaum Samstag, der 20. August 2016 um 08:41 Uhr - Antworten

    Hallo, lieber Hans!

    Danke für diesen tollen Beitrag, in dem Du uns einen wunderbaren Einblick in Dein Fachgebiet gewährt hast. Sehr schön zu lesen und Deine Gedanken zu verfolgen.

    Es grüßen Dich und Deine liebe Imma aus Fiji

    Margarete & Peter von der Seatime

  3. Roman Samstag, der 20. August 2016 um 21:04 Uhr - Antworten

    Excelente artículo a pesar de la pésima traducción al español. Buen viento!

    • Hans Dienstag, der 23. August 2016 um 06:52 Uhr - Antworten

      Querido Roman

      Lo siento mucho, a veces mis traducciones no son muy exactas. Normalmente hago el blog primero en alemán, luego lo traduzco al español. Pero, como te puedes imaginar, las circunstancias de escribir en un velero no son óptimas y repercute en la calidad. A veces navegando, a media noche, el barco bailando. Creo que a menudo fallo al utilizar frases hechas alemanas y traducirlas directamente al español (y tampoco siempre tengo la Imma disponible). Gracias por tu crítica, intentaremos mejorar!

      Abrazos

      Hans

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