#2 draussen im nichts: RUBICON

2020-05-01T08:08:11+00:00 1 Mai, 2020|# in the middle of nowhere, 2020|

Dialog mit Weltumsegler in Quarantäne: Das Schwedische Paar Johan & Lisa Persson startete 2017 in Fjallbacka, Schweden ihre Weltumseglung und ist nun via Atlantik, Karibik, Pazifik, Indonesien im Indischen Ozean in den Malediven angekommen. Ihre Yacht heisst RUBICON, eine Malö 39 mit einem 12m langem Rumpf aus Fiberglas. Gemeinsam waren wir im Sail2Indonesia – Rally 2019 unterwegs, wo Lisa ebenso fleissig tanzte wie ich selbst.

Wir haben allen am Dialog teilnehmenden Segler dieselben Fragen gestellt. Um Euch nicht zu langweilen, geben wir aber ab #2 bloss noch eine Kurzversion der Fragen wieder.

Location

Ein Sprichwort sagt: Frag nie einen Segler wohin er als nächstes hinsegelt! Als Segler sind wir uns ja gewohnt, dass sich unsere Pläne plötzlich ändern. Sei es, weil das Wetter kehrt, wir technische Probleme haben oder was auch immer. Wo seit Ihr?

Unser Boot und wir selbst sind in den Malediven. Wir haben Sri Lanka am 17. März verlassen. Auf den Malediven muss man einen Agenten haben. Bevor wir Sri Lanka verließen, fragten wir unseren Agenten, ob wir kommen könnten. Er sagte ja. Also gingen wir. Auf halbem Weg zu den Malediven am 20. März erhielten wir eine E-Mail mit der Nachricht, dass die Malediven ihre Grenzen geschlossen hatten und wir zurückfahren müssen. Dies war jedoch gegen die vorherrschenden Winde unmöglich und wir hatten nicht genug Diesel, um den ganzen Weg zurück zu fahren. Unser Visum für Sri Lanka war abgelaufen und wir wussten nicht, ob Sri Lanka offen war oder nicht. Also fuhren wir weiter.

Bürokratie

Meist haben wir das Ein- und Ausklarieren ja problemlos überstanden. Oft haben diese Geschichten uns jedoch Stoff für endlose Anekdoten geliefert. Wie reagieren die Autoritäten?

Wir kamen am 23. März auf den Malediven an, aber die Einreise wurde uns verweigert. Wir haben unsere Botschaft in Delhi um Hilfe gebeten. Die maledivische Küstenwache beobachtete uns genau. Nach endlosen Verhandlungen, die 12 Stunden dauerten, durften wir mitten in der Nacht ankern.

Inzwischen wussten wir, dass es für uns absolut keine Option gab. Chagos wurde geschlossen, die Seychellen wurden geschlossen, Madagaskar wurde geschlossen, Indien wurde geschlossen, Südafrika wurde geschlossen, etc. etc. Wir konnten nirgends mehr wohin. Ich flehte die Behörden weiter an und schließlich ließen sie uns ankern. Sie weigern sich immer noch, uns einklarieren zu lassen.

Landgang

Als Segler sind wir ja paradigmatisch mobil. Doch eigentlich segeln die Weltumsegler ja bloß etwa 20% der Zeit, den Rest liegen sie in Buchten rum und machen lange Spaziergänge, plaudern mit der lokalen Bevölkerung und sammeln Muscheln am Strand. Die Herausforderung ist die Bucht! Könnt Ihr noch an Land?

Da wir nicht offiziell einklariert haben, dürfen wir nicht an Land. Wir können selbst unser Beiboot nicht nutzen. Wir können nur in der Nähe des Bootes schwimmen gehen. Die Küstenwache versorgt uns mit Lebensmitteln und Diesel. Wir sind jetzt seit 38 Tagen isoliert, aber die Grundsituation ist dieselbe: Es gibt keinen Ort für uns, und jedes Land rund um den Indischen Ozean ist geschlossen!

Abgekoppelt

Seit Jahren sind wir auf wenigen Quadratmetern unterwegs. Auf wochenlangen Überfahrten quer durch die Ozeane sind wir es uns ja gewohnt, abgekoppelt in unserer kleinen Welt zu leben. Nun geht’s der Menschheit gleich wie uns. Ist es Euch manchmal langweilig?

Unsere Situation ist nicht schlecht, aber wir langweilen uns. Zum Glück haben wir es geschafft, eine SIM-Karte zu bekommen, damit wir Internet haben und mit Menschen zu Hause sprechen können, hauptsächlich mit unseren Kindern. Auch das Lesen von Büchern und Zeitungen hilft, die Zeit zu vertreiben. Mit Internet und Satellitentelefon ist die Kommunikation also in Ordnung.

Natur

Wir haben ja als Segler einen ganz engen Bezug zur Natur, gelernt viel Respekt vom Meer und vom Wetter zu haben. Auch haben wir gesehen wie fragil unser Planet ist und haben auf vielen abgelegenen Inseln ganz direkt die Konsequenzen des ansteigenden Meeresspiegels gesehen. Nun so scheint es, als schlage der Planet zurück. Der Virus hat alle nach Hause geschickt. Hat sich Eure Beziehung zur Natur verändert?

Ja, wir sind uns sicherlich bewusster darüber, wie zerbrechlich unsere Welt ist und wie schlecht wir unseren Planeten behandeln. Müll überall, aber auch die westliche Heuchelei ist niederschmetternd. Wir kritisieren Entwicklungsländer schnell dafür, dass sie nicht genug tun, aber wir haben keine Probleme, unseren Müll, sogar Giftmüll, in Entwicklungsländer zu exportieren. Wir sollten uns schämen!

Kommunikation

Früher haben Weltumsegler mit Steinschleudern Nachrichten auf Frachter geschossen, um alle paar Monate den Lieben zu Hause mitzuteilen, dass man noch nicht untergegangen sei. Wie kommuniziert Ihr?

Ja, wir verwenden WhatsApp und Messenger und sprechen mehrmals pro Woche mit Freunden und Familie.

Beziehungen

Niemand weiss im Moment, wie sich die Beziehungen der Menschen und der Staaten im Nachgang der Corona Virus – Krise verändern wird. Vielleicht werden Grenzen geschlossen bleiben oder gar neue gezogen – oder wir lernen wir, dass nur eine weltweite Solidarität uns rettet. Hat sich Eure Beziehung zur Wissenschaft, Politik, zu Eurem sozialen Umfeld und auch zur fernen Heimat auf Eurer Reise verändert?

Unsere Ansichten haben sich seit unserer Abreise ein wenig geändert. Hauptsächlich haben wir erkannt, wie privilegiert wir sind. Wir sind in vielerlei Hinsicht stolz auf unser Land, aber manchmal auch kritisch, sowohl auf unser eigenes Land als auch auf die westliche Welt. Der westliche leadership ist im Moment nicht sehr inspirierend!

Zukunft

Joseph Conrad schrieb: Dem Traum folgen und nochmals dem Traum folgen und so ununterbrochen – bis zum Ende. Doch nun sitzen wir alle fest. Ist der Traum nun zu Ende? Wie geht’s weiter?

Ich denke, dass sich das Reisen auf einem Segelboot ändern wird. Wenn es überhaupt noch möglich sein wird, so wie wir es getan haben. Ich denke, die Menschen werden näher bei ihren Heimatländern bleiben, denn jetzt wissen wir, wie schnell sich die Dinge ändern können. Dinge, über die Sie keine Kontrolle haben. Wir wollen unser Boot nicht verkaufen, sondern nach Nordeuropa fahren. Es gibt so viel zu sehen, was wir noch nicht gesehen haben.

Wie auch immer, für uns ist die Reise vorbei. Doch wir müssen das Boot noch nach Schweden zurücksegeln. Wir hatten vor, auf den Malediven zu tauchen und zu schnorcheln, aber das wird sich wohl nicht ergeben. Dann wollten wir nach Chagos segeln, aber unsere Aufenthaltsbewilligung wurde annulliert. Dann wollten wir nach Mauritius und Réunion, aber sie sind geschlossen und gesperrt. Von dort wollten wir Südafrika besuchen. Wir haben Weihnachten mit den Kindern in Südafrika geplant. Das Land besichtigen und vielleicht eine Safari machen. Ich sehe das wird sich auch kaum ergeben. Zusammenfassend also wenig Spaß und Vorfreude! Das bedeutet, dass wir versuchen werden, nach Schweden zurückzukehren, aber natürlich die entsprechend guten Segelsaisons berücksichtigend. Von Südafrika aus werden wir versuchen, St. Helena zu besuchen und von dort aus auf die Azoren und dann zurück nach Nordeuropa zu fahren.

Positiv

Was die positivste Erfahrung, das Beste welche Ihr seit dem lock down erlebt habt?

Fast täglich unendlich viele Delfine rund um das Boot!

https://syrubicon.wordpress.com

#syrubicon

Aktuelle Position: 07°03,9’N | 72°49,2’E

 

2 Comments

  1. URBANO Samstag, der 2. Mai 2020 um 10:24 Uhr - Antworten

    Esperemos saber reaccionar y seguir navegando el mundo

  2. Peter Scherbaum Samstag, der 2. Mai 2020 um 17:31 Uhr - Antworten

    Ich schwanke bei dem Ankerplatz zwischen Horror (Situation) und Traum (Ankerplatz).

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