Nachklänge einer Sinfonie in Blau-Tönen

2018-03-15T13:41:26+00:00 26 Dezember, 2011|2011, Atlantic crossing|

6.1.2012 / 18:00 Ortszeit / 28ºC / Ankerbucht in Fort de France-Martinique: Es fehlen noch ein paar Stunden bis unser Flugzeug abhebt Richtung Europa, gemütliches Geplauder auf der Tuvalú im letzten karibischen Abendrot, da schaut mich Skipper Hans plötzlich ganz ernst an: „Du könntest doch einen Blogeintrag schreiben aus der Sicht eines Crew-Mitgliedes…“. Ich schlucke leer, das war wohl das letzte Kommando an den Matrosen… ich bitte um einen kleinen Aufschub, der mir natürlich in gewohnt grosszügiger Weise gewährt wird.

10.-11.1.2012 / 23:30-04:00 Ortszeit / -3ºC (im Freien, versteht sich) / Cal Músic: versuche wie jeden Tag seit ich wieder auf dem Alten Kontinent bin, den Schlaf zu finden, der Jet Lag hat mich noch fest im Griff, doch plötzlich beginnt das Karussell im Kopf zu drehen. Bilder beginnen vor mir hin und her zu sausen, Erinnerungen an Wasser, Wolken, Gesichter, Musik, Gelächter, gemischte Gefühle, Freude, Langweile, Erwartungen und Enttäuschungen, ein Potpourri an Details. Endlich gelingt es die Gedankenmaschine abzuschalten und einzuschlummern, na ja, drüben in der Karibik, 23:00 Ortszeit, wäre es ja auch an der Zeit die Lichter auszumachen und sich den Träumen hinzugeben.

 

1.Satz: Allegro ma non troppo

 

 

 

Einklaren auf Tuvalú in Las Palmas: ein herzlicher Empfang der Eigner Imma und Hans, ein druckfrisches T-Shirt mit der Aufschrift „TUVALÚ, Barcelona-Tuvalú“ liegt auf der frisch bezogenen Koje, die Crew fühlt sich Willkommen. Ein emsiges Treiben beginnt im Innern und auf Deck, so manches muss da noch erledigt werden. Doch auch ein paar Touristische Ausflüge liegen noch drin und da die Abfahrt verschoben wird, wird der Rhythmus immer gemächlicher, es gibt Platz für Gedanken an den bevorstehenden Törn. Nicht nur Euphorie, auch Zweifel kommen hoch, wird alles gut gehen? Es ist doch recht eng auf einem Schiff, zu viert, man kennt sich eben doch nicht so gut, drei Wochen sind lang wenn etwas nicht nach Plan läuft, werden die Erwartungen erfüllt? Meine erste Atlantiküberquerung liegt schon 15 Jahre zurück, ich weiss was alles geschehen kann, zum Guten und Schlechten, manchmal schleicht sich ein mulmiges Gefühl ein. Was denken die Anderen? Viel wird nicht darüber gesprochen, jeder ist mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt. Man will ja die Vorfreude nicht trüben.

Es naht der Abfahrtstermin. Schon im Voraus wird intensiv das Wetter studiert, die letzten Einkäufe der Frischprodukte geplant und schlussendlich auf dem Gemüsemarkt grosszügig eingekauft. Niemand will bei einer eventuellen 4.oder gar 5. Woche auf dem Meer (mein weiss ja nie ob nicht eine Flaute in einem Hinterhalt lauert) eine Fastenwoche einschalten. Die Nervosität steigt. Letzte Telefonate an die Liebsten daheim, da kommt doch tatsächlich noch ein mail von der Arbeit das unbedingt beantwortet werden muss, ein schneller Gang zum Shiphandler um ein Ersatzteil für den Fall der Fälle zu kaufen und  der Wunsch dass es endlich! losgeht.

 

2.Satz: Adagio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir wechseln die Tonart, d.h. die Gangart. Springen ist nicht mehr erlaubt, äusserste Vorsicht ist geboten, wir befinden uns auf dem Atlantik. Ein „Fehltritt“ hätte ernste Konsequenzen die niemand leichtsinnig provozieren möchte. Meine persönliche Erfahrung lässt die rote Lampe nie ganz erlöschen. Ich weiss, ein bisschen Angst bewirkt auch mehr Aufmerksamkeit, so lass ich sie ruhig da wo sie ist, im Bewusstsein.

Gran Canarias liegt schon Meilen zurück, die Abschiedsszene ist noch in lebhafter Erinnerung. Bob Marley’s Musik beim Ablegen liegt in den Ohren und irgendwas im Innern schnuppert schon Karibikluft. Die Blautöne des Ozean’s wollen jedoch noch nicht so recht leuchten, der Himmel erinnert mehr an die Nordsee. Es vergeht ein Tag nach dem  anderen, meine Erinnerungen an die Überfahrt vor 15 Jahren stehen wie ein Denkmal vor mir, etwas stimmt einfach nicht: so war es nicht. Es beginnt ein innerer Kampf, ich bekomm’s einfach nicht auf die Reihe, das Vergangene und das Gegenwärtige sind zu unterschiedlich, scheinbar. Es vergehen die Tage, schon bald haben wir Halbzeit. Der Himmel bleibt grau, die Wellen werden grösser, manchmal fürchterlich gross, mein Gedächtnis sagt mir dass das nun vergleichbar ist mit dem erlebten, beruhigt mich. Doch da geschiehts: eine Welle ist zu mächtig für Tuvalú, mit Getöse bricht das 4-5 Meter hohe Ungetüm direkt unter dem Heck und wirbelt Schaum und Gischt auf, der Bug wird in die eine und das Heck in die andere Richtung geschleudert. Fest umklammert an einer Winsche auf dem Brückendeck werde ich Zeuge einer Beinahekenterung unserer Yacht. Schnell richtet sie sich aber wieder auf, uff, das war aber knapp, und ich da oben mitten im Geschehen drin. Meine Knie beginnen im Nachhinein zu zittern, der Schreck sitzt tief. Diese Nacht wird keine Nachtwache auf Deck gemacht, alle fühlen sich im Innern sicherer. Doch wie immer auf dem Meer, auch diese Situation lässt uns weiser werden und wir beachten nun immer genügend Segel zu setzen damit auch in solchen Fällen Fahrt im Schiff bleibt um Kraft zu entwickeln und den Fängen der Brecher zu entkommen. Mit der Zeit lassen uns die hohen Wellenberge und tiefen Wellentäler cool. Kennen wir doch alles, beeindruckt uns nicht mehr.

Ja genau, beeindruckt nicht mehr, hab ich alles schon gesehen, zur Genüge, brauch einen Szenenwechsel, der aber ausbleibt. Wie langweilig, ich wollte doch keinen Nordseetörn! Meine innere Unruhe ist manchmal schwer zu bändigen, aber es wird sich nicht eher ändern als es die Natur will, also wäre Relax angesagt. Kann ja jeder sagen, aber funktioniert halt nicht auf Kommando. An einem schönen Morgen erscheine ich in einer gemütlichen Gesprächsrunde meiner Kameraden: „ist doch alles nur eine grosse Täuschung, wer weiss was da am Horizont ist“. Drei verdutzte Augenpaare starren mich entgeistert an: der hat nun den Verstand verloren! Meine Auseinandersetzung mit mir geht weiter, in die letzte Runde.

 

3.Satz: Scherzo (schwirrend-schwebend nach Felix Mendelssohn)

 

 

 

 

Angenehm steigt die Temperatur von Tag zu Tag, die fliegenden Fische sorgen für frohe Abwechslung. Ich kann ihnen stundenlang zusehen, bin fasziniert von ihren agilen Gleitflugkünsten. Ein paar selten erscheinende, den Sturmtaucher ähnliche Vögel, erheitern das Geschehen um uns herum. Ich erwarte sogleich irgend welche Delfine, aber davon keine Spur. Vermutlich verhindern die grossen Wellen und die Schaumkronen die Sichtung von Walen und Delfinen.

Der Mond ist unterdessen auf Abnehmend umgestiegen und überlässt mir meine jeweilige  Nachtwache im Stockfinsteren. Einerseits vermisse ich das silbern funkelnde Meer das mir meinem Innern ein wohliges Gefühl vermittelt, andererseits geniesse ich nun den immensen Sternenhimmel über mir und die funkelnden Leuchtplanktone im aufgewirbelten  Fahrwasser der Tuvalú. Diese Stunden der Einsamkeit mit mir selbst sind ein wahrer Segen. Jede Nacht bereite ich mir ein einfaches Essen zu, schreibe meine Gedanken in mein Tagebuch oder in ein mail an Maria, manchmal geniesse ich eine kleine Episode „Polonia“ auf dem iPad (für nicht eingeweihte: ein katalanisches Satireprogramm) und krümme mich dabei vor Lachen, oder gehe einfach meinen Gedanken nach.

Das Zusammenleben auf Tuvalú erlebt in diesen Tagen einen Höhepunkt: Halbe Distanz! Mit einer Überraschung nach der anderen warten unsere Gastgeber auf. Das Käsefondue das Hans aus dem Bauch der Tuvalú hervorzaubert werde ich als Schweizer wohl nie in meinem Leben vergessen, mitten auf dem Atlántik, einfach verrückt. Zur Feier erhält mein so heilig gepflegter Diätplan einen Frei-Tag, Schoggi zum Dessert, und was für eine gute, wow, eine richtige Explosion an Gefühlen…  Geschenke folgen, Bob Marley für Antonio, Jack Sparrow’s (Jakob Spatz auf Deutsch) „Piraten der Karibik“ für Hans, ein „Zahlenspiel“ für die immer mitzählende Imma und, wie konnten sie es wissen? Moitessier für mich (für Segel-Laien: Bernard Moitessier, 1925-1994, war ein Segelabenteurer, Zitat: „…talentiert mit einer tiefgründigen Spiritualität, ein Philosoph der Abenteuer und der Natur…“

Es folgen ein paar weitere graue Tage, das Meer beginnt die Wellenberge abzubauen, wohin die auch immer das Wasser bringen sei dahingestellt, Hauptsache das Leben wird etwas einfacher an Bord. Freihändig wage ich mich jedoch nicht mal unter Deck zu bewegen. Tuvalú mit seinem modernen Riss ist ein rassiges Schiff, flink und schnell, aber eben das hat auch seine Kehrseite: „La coctelera“ ist sein Übernahme, es schüttelt einem immer etwas unsanft von der einen auf die andere Seite wie in einem Schüttelbecher. Für Imma ein wahres Inferno. Ich möchte ihr an dieser Stelle meine grosse Anerkennung aussprechen, wie sie das ausgehalten hat mit ihrem auf Schläge und heftige Bewegungen  empfindlichen Körper. Wahrlich eine doppelte Leistung!

Unsere Kurve auf dem Atlantik nähert sich der Zieltangente, der südlichste Punkt rückt näher. Endlich beginnt das Wetter auf „Karibik“ umzustellen: hat das gedauert! Im Flug ist meine Melancholie im Nichts aufgelöst, ein in der Erinnerung an das erste Mal ach so gewohntes Glücksgefühl steigt in mir auf. Ich schwebe, ich jauchze, es ist einfach toll. Das Grau des Himmels weicht einer Vielzahl von Blau-Tönen, das Meer beginnt in einem tiefen Safir-Blau zu strahlen, ein Himmel der voll übersät ist mit den von mir so geliebten Kumulus-Passatwolken. Das ist eines der wahren Paradise auf Erden. Ich bin angekommen.

 

4.Satz-Finale: Vivace (mit romantischer Note)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Tage wiederholen sich, diesmal aber angenehm sommerlich, konstante 28º-30ºC im Schiffsbauch. Der Wind lässt etwas nach, es kommt die Lust auf den Spinnaker zu setzen, schneller ans Ziel zu kommen, es ist doch nicht mehr weit, nur noch 900 Seemeilen…. Der Käpt’n ist nicht zu überzeugen, er kennt sein Schiff gut. Solange der Windmesser nicht konstant unter 10 Knoten fällt gibt’s daran nichts zu rütteln. Er hat natürlich vollkommen recht, ein Knoten mehr Fahrt während 10 Stunden bringt uns nur gerade ein Paar Stunden  schneller ans Ziel, lächerliche Rechnungen bei diesen Dimensionen. So kümmern wir uns zur Abwechslung um kleinere Reparaturen, Lektüre, Körperpflege. Je länger desto mehr kommen die Gedanken eben doch: das Ankommen. Jeden Tag ein verstohlener Blick auf die Anzeige des GPS, „nur“ noch 700 Seemeilen, das heisst Weihnachten ev. doch in der Karibik feiern? Maria kommt am 23. an, sehen wir uns in Martinique oder St.Lucia? Viele offene Fragen die dem Spiel der Natur ausgesetzt sind.

Die Fruchtvorräte gehen dem Ende entgegen. Wir sind überrascht wie lange sie doch angehalten haben und vor allem wie wenig wir über Bord entsorgen mussten. Das Gemüse hatte da einen schwierigeren Stand. Antonio wachte genau über den Zustand Eier. Jeden Tag gab es einen Purzelbaum für alle, die Eier natürlich. Ein paar Exemplare erreichten  unsere Mägen nicht, dafür schwimmen sie jetzt auf dem Atlantik. Ob Fische wohl Eier mögen? Unser Menüplan wird von Tag zu Tag fröhlicher. Mit den grossen Gemüsevorräten haben wir uns zu einer regelrechten Gemüse-Kartoffel-Kur verknurrt. Die Lust auf Spaghetti, Pizza, oder einfach gesagt „normales“ und abwechslungsreiches Essen ist enorm, wenigstens bei mir. Mit Hans verstehen wir uns schnell und er zaubert uns diese Tage ein paar leckere Speisen auf den Tisch.

Diese letzte Etappe, wir haben die Strecke virtuell in drei Etappen geteilt, ist geprägt durch ein allgemeines langsamer werden der gesamten Crew. Irgendwie hat man das Gefühl dass alle den Rhythmus runtergefahren haben und in einer anderen Welt leben, eine Welt die keinen Stress kennt, die ihre ganz eigene Form hervorbringt, Langfahrt eben.

Am 19.12. dann DER Sonnenuntergang. Wir geniessen ein Spektakel das eine halbe Ewigkeit dauert, die kühnsten Wolkenformationen hervorzaubert und den Himmel mit Farbkombinationen dekoriert die man oft mit Kitsch in Verbindung bringt, hier aber ein wahrer Genuss an Sensationen bewirkt. Für mich lohnte sich alleine deswegen die lange Anreise über die Weite des Ozeans. Gewaltig!

Mit der Annäherung an die karibischen Inseln wurde unser Verlangen immer grösser, wieder einmal ruhig zu schlafen, mehr als ein Schritt ohne Unterstützung zu gehen , die Beine zu vertreten, kurz und einfach Land zu betreten und Luft mit Erdgeruch einzuatmen.  Antonio und ich erwarteten auch sehnlichst das Wiedersehen mit unseren Frauen.

Der Morgen des 25.Dezember erwachte mit der fahlen Silhouette von Martinique im  Morgenschein. Für unsere in Geduld erprobte Wahrnehmung näherten wir uns rasch dem Süd-Kap der Insel und bald konnte ich per SMS mit Maria Kontakt aufnehmen. Wie kann es sein dass wir 3 Wochen brauchten was sie in 7 Stunden schaffte? Ein sinnloses Fragen, es geht in diesem Moment über meine Kapazität.

In der Marina Le Marin dann das langersehnte und überglückliche Wiedersehen. Wir haben’s geschafft. Schiff und Mannschaft wohlauf, aber um ehrlich zu sein, alle mit Lust auf etwas mehr Raum für sich. Nach der ersten horizontalen und ach so ruhigen Nacht geht mein Abenteuer mit Maria weiter nach St.Lucia, Antonio trennt sich von Tuvalú um sich mit seiner Angela zu treffen und Hans und Imma können nach vier Wochen endlich ihr Schiff wieder ihr Eigen nennen.

Vielen Dank Imma und Hans für Eure Gastfreundschaft und die herzliche Aufnahme in Eure Segelgemeinschaft!

11.1.2012 / 14:00 Ortszeit / 10ºC / Cal Músic: Die Temperatur und die Sonne draussen lachen mir entgegen, es ist Zeit meine Karibik-Träume auf die Seite zu legen. Ich muss heute noch Holz für den Ofen vorbereiten damit das Feuer heute Abend fröhlich knistert und wir ein paar gemütlich warme Stunden vor dem Flammenspiel aneinander gekuschelt die Pläne für unsere nächste Reise schmieden können…

 

Beat, Crew-Mitglied auf unserer Atlantik Fahrt | Fotos © Beat Marugg

 

One Comment

  1. pamalita Montag, der 6. Februar 2012 um 22:00 Uhr - Antworten

    Como va todo pareja,ya veo que os lo estais pasando bien y disfrutando del caribe y de todas sus maravillas.Por aqui todo sige igual, ahora tenemos una onada de frio siberiano que por las noche rondamos los cero grados.Yo sigo poniendo el Pamalita a punto para este verano que espero poder navegar,primero intentaremos ir a Croacia y luego para el mes de Diciembre el asalta del Atlantico.Los planes vuestros cuales son, cuando pensais cruzar el canal de Panama,ya seria la ostia que nos podamos ver por el Caribe.Se sepais que sigo con interes el blog del viaje y me gustaria ver mas fotos y mas videos que me parecen pocos.Desearos lo mejor y que sigais disfrutando del viaje,aunque estos tipos de viajes se disfrutan mas cuando ya se han hecho que en el mismo momento,pero hay que hacerlo y saborearlo.Un saludo de Maricarmen y mio

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